Buchrezension: Paulo Coelho – Die Schriften von Accra

Die letzten beiden Wochen hat mich leider eine Erkältung nieder gestreckt, so dass diese Rezension von Paulo Coelhos Buch Die Schriften von Accra mittlerweile längst überfällig ist.

Paulo Coelho und meine gemeinsame Geschichte? Als ich in meiner Jugend Veronika beschließt zu sterben las war ich ganz hin und weg und auch, wenn ich mich nur noch an die grobe Handlung erinnern kann, verbinde ich immer noch viele positive Gefühle mit diesem Buch (einhergehend mit einer maßlosen Enttäuschung über die Verfilmung!) Umso glücklicher war ich, als ich die Chance durch BloggDeinBuch bekam, sein neuestes Werk probe lesen zu dürfen.

Bibelunkundige, aufgepasst! Neben der Bibel gibt es auch die sogenannten Apokryphen, die allgemein gesprochen Texte sind, die aus verschiedenen Gründen nicht in den uns bekannten Bibelkanon aufgenommen wurden. Einige dieser Apokryphen wurden im Nachhinein wieder entdeckt, so auch die Schriften von Accra, die tatsächlich existieren. Paulo Coelho nahm sich diese als Grundlage für sein neuestes Werk und erzählt im Vorwort kurz von deren Entdeckung. Einerseits entsteht so ein authentischer Eindruck, andererseits habe ich mich stets gefragt, wie hoch der eigene, kreative Anteil des Autors selbst war.

Das Buch ist nicht direkt in Kapitel aufgeteilt, der Inhalt ist aber im Prinzip ein Dialog zwischen einem Kopten und den Einwohnern Jerusalems, welches im Jahre 1099 kurz vor einem Angriff steht. So beginnt jeder Abschnitt mit einer kurzen Äußerung eines Bürgers über die Sorgen, die ihn plagen, die der Kopte im Folgenden zu beschwichtigen versucht. So treten die Bürger Jerusalems an den weisen Mann heran, um Ratschläge zu erhalten zu universellen Themen, die die Menschheit seither beschäftigen: Alleinsein, Veränderung, Liebe, Perspektivlosigkeit und mehr.

„Lass keine Gelegenheit aus, deine Liebe zu zeigen. Vor allem jenen, die dir nahestehen, weil wir mit ihnen oft besonders nachlässig umgehen.“
Coelho, Paulo: Die Schriften von Accra.  1. Aufl. Zürich : Diogenes Verlag, 2013, S. 151

Der Aufbau ist in dem Sinne praktisch, als dass man das Buch in den Zeiten, in denen man selbst einen Rat braucht, schnell nachschlagen kann. Gerade gefrustet im Job? Einfach den Abschnitt suchen, in dem ein Mann fragt, warum einige Menschen mehr Erfolg haben als andere. Als eine Art Lebensratgeber würde  ich dieses Buch am ehesten beschreiben, denn Story ist nicht groß vorhanden. In einer beiliegenden Broschüre wurde Coelho als „Meister der Sinnsucher-Märchen“ betitelt und das trifft es ganz gut. In Zeiten voller Selbstzweifel und Aussichtslosigkeit kann eine Lektüre dieses Buches die Seele etwas beruhigen – dass irgendwo immer noch ein Fünkchen Hoffnung ist und die Welt im Endeffekt gar nicht so schlimm ist. Bei diesem Buch störte mich allerdings dies bezüglich der starke religiöse Einfluss. Natürlich war etwas Spiritualität allein wegen des Hintergrund der Apokryphen zu erwarten, aber vieles wird einfach mit dem Glauben an Gott abgetan. „Wir müssen lieben, weil wir von Gott geliebt werden.“ lässt mich als Vollblut-Atheisten zwar ein bisschen zusammenzucken, aber wenn es darum geht, dass jemand Hilfe sucht, wird viel zu leicht geantwortet mit „Gott wird es schon richten!“ Einige Passagen zogen sich auch sehr hin und jedes Wort brauchte Mühe, gelesen zu werden, aber insgesamt war es ein schnelles, entspanntes Lesen und ich kann die Lektüre jedem empfehlen, der gerade etwas Licht im Dunkeln braucht – und in irgend einem Bereich unseres Lebens brauchen wir das doch immer, oder nicht?

Zum Schluss noch ein kleines Zitat, aus aktuellem Anlass.

„Die Natur sagt ‚Ändere dich!‘ Und  diejenigen, die den Engel des Herrn nicht fürchten, haben begriffen, dass man voranschreiten muss. Trotz aller Ängste. Trotz aller Zweifel. Trotz aller Vorhaltungen. Trotz aller Drohungen.
Sie stellen sich ihren Werten und Vorurteilen. Hören sich die Warnungen ihrer Freunde und Verwandten an, die sie anflehen: ‚Tu’s nicht! Hier hast du alles, was du brauchst: […]. Gehe das Risiko nicht ein, ein Fremder in einem fremden Land zu sein.‘
Dennoch wagen sie den ersten Schritt – manchmal aus Neugier, manchmal aus Ehrgeiz, meist aber wegen einer unbezwinglichen Abenteuerlust.“
Coelho, Paulo: Die Schriften von Accra.  1. Aufl. Zürich : Diogenes Verlag, 2013, S. 58-59


Die Schriften von Accra von Paulo Coelho ist im Januar 2013 im Diogenes Verlag erschienen.
Vielen Dank an die HGV Hanseatische Gesellschaft für Verlagsservice mbH, die mir dieses Buch freundlicherweise zur Rezension überließen! Bestellbar außerdem über Kohlibri.

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3 Kommentare

  1. Ich mag die Bücher von Coelho total gerne, Veronika beschließt zu sterben natürlich sowieso aber auch 11 Minuten oder Der Dämon und Fräulein Prym, hach ich mag eigentlich alle :D Danke für die Rezension, ich werd mir das bestimmt mal anschauen :)

  2. T. sagt:

    Oh nein. Ich habs ja mit Coelho versucht. Veronika, die Depressive, hab ich verfolgt, dann 11 Minuten gelesen und natürlich auch den Alchemisten begleitet. Hmmmm, er ist nie einer meiner Lieblingsschriftsteller geworden und davon hab ich eine Menge und außerdem erscheinen seine Bücher im Diogenes Verlag, mein Lieblingsverlag. Es hätte mit uns beiden schön sein können- aber ich kann es nicht zulassen!
    Seine Spiritualität ist nicht mein Ding und auch als Vollblutatheistin kann ich mit dem Gottkram nichts anfangen.
    Das neue Buch hat mein Interesse nie geweckt, aber ich les ja deine Einträge so gern und weiß jetzt, dass das Buch gar nicht mein Fall wäre.

    Habe es schonmal mit Zarathustras Nietzsche versucht. Vom Stil auch gar nicht so fernab…
    Oke, das war’s. ;)

  3. Innocence sagt:

    Ich liebe sein Bücher, wobei so ein „Nachschlagewerk“ erstmal nicht sooo gut klingt. Aber „Veronika beschließt zu sterben“ ist gigantisch gut. lg

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